Entscheider – sie sind eine Plage

Bitte, misstrauen Sie Menschen, die sich als Entscheider bezeichnen.

Entscheider erschaffen die Zustände des Titelfotos: Chaos und einer steht. Keine Struktur, nur Chaos. Denn: Es fehlt das Spielbrett. Keine erkennbaren Regeln. Kein Sieger, keine Verlierer – einer bleibt halt über. In welchem Umfeld? Egal.

Entscheider holzen halt mal rum (akademischer: entscheiden), schmeißen alles um – ohne Plan, Strategie und zumeist ohne, dass irgendjemand auch nur nachvollziehen könnte, was sie vorhaben. Ich finde das gruselig und sinnlos. Wie unlängst wieder mal live erlebt.

Es begab sich, dass ich wieder mal vom Schicksal geküsst, nein meine Geduld herausgefordert wurde. Ich durfte mich darin üben, freundlich zu bleiben, während einige der Gesprächsrunde sich die Brust poliert haben – metaphorisch. Männlein und Weiblein haben sich ge-brüste-t, dass sie für <decisions empowered> sind. Als Entscheider bezahlt, ist ja klar, dass die Car-Allowance stark zunimmt.

Als der Rest der Truppe dann endlich mit dem leicht nervösen Schweiß des Selbstzweifels «Warum bin ich so nicht???» an ihren Lippen hing, ging es dann in das nächste Level. «Da muss man halt mal unerschrocken entscheiden.» «Da fackel´ ich nicht lange, das wird entschieden. So macht man das.»

Eine gute Viertelstunde ging es nur ums Entscheiden. Im Schweinsgalopp von einem Satz mit Entscheidung zum nächsten.

Mein Kaffee war leer – meine Geduld auch. Ich durfte beitragen, «wann ist das zum Beispiel, in welcher Situation?» Kurze Irritation bei den drei Musketieren. Dann die mit einem Lächeln begriffene Chance. Jetzt füllen wir das ganze mit der vollen Packung Performance.

Warnung! Schnallen Sie sich an, verehrter Leser.

«Na, zum Beispiel bei der Bilanz letztes Jahr. Der CTO fand, dass das alles nicht so schick aussieht – der CTO hat damit zwar nichts zu tun, aber ich dachte mir: Dir kann geholfen werden Kollege. Da hab ich entschieden, dass das Anlagevermögen durch Sonderabschreibungen verkleinert wird – Verluste, wisst ihr, die nicht auf dem Konto landen.»

«Ach Danke für Ihre Frage. Bei uns haben sie ein riesiges Thema mit den Reisekosten. Habe jetzt dem Vertrieb die Essenspauschale gekürzt. Muss ja nicht immer Bio sein – sollen sich ´ne Stulle schmieren oder ordentlich verkaufen, dann können sie auch das Essen bezahlen.»

Den Beitrag des Dritten weiß ich nicht mehr – entschuldigen Sie bitte. Es war nicht viel besser.

Ich habe mich artig bedankt. Dafür, dass sie die Arbeit für meine Zunft (Anwalt) so begeistert befeuern. Der Blick der drei: Irritation. Ich wollte zur Erhellung beitragen. «Naja, wer nur entscheidet und sich über die Verantwortung keine Gedanken macht, der verlagert das Problem auf später. Dann ist es jedoch größer geworden – und teurer.» Ich erntete: Unverständnis – was sonst.

«Wer übernimmt denn die Verantwortung für die Entscheidung der Wertberichtigung des Anlagevermögens, wenn der Betriebsprüfer sagt, diese Werteinschätzung haben sie exklusiv, wir besteuern nach. Wer hält den Kopf hin, wenn die Vertriebsmannschaft in die innere Kündigung geht und Dienst nach Vorschrift schiebt?»

Jetzt begann unwohles Stühlerücken. Die Zuhörerschaft war vollends lost in <ja wie jetzt?>. Ich konnte mich empfehlen. Eine Gnade.

Falls Sie Entscheider auch tolle Menschen finden – vielleicht denken Sie nochmal nach – mit mir. Hier.

The hidden Champion: Verantwortung

Ich stehe dafür, mehr darauf zu achten, ob jemand Verantwortung übernimmt, ob das der Fokus seiner Selbstbewertung ist.

(Meine bescheidene) Arbeitsthese: Menschen, die aus sich heraus auch die Verantwortung für ihre Entscheidung tragen, die verkörpern mehr. Deren Entscheidung sind es wert, beachtet zu werden.

Für Anwälte übrigens keine interessante Zielgruppe – da geht zu wenig schief.

Entscheider? Die sind die Cash-Cow der über 160000 Anwälte in Deutschland (und wahrscheinlich in anderen Ländern auch), auch von Ärzten (Unfallchirurgen), Krisencoaches und Co. Entscheider fühlen sich superb und bauen einen unüberlegten Scheiß nach dem anderen. Meine Empfehlung, wenn Sie denen begegnen: nicht beachten, weglaufen, schnell. Denn Wenn es dann – wie sehr oft – nicht gut ausgeht, dann entsteht Schaden. Und Schaden, das ist gutes Geld für den Anwalt. Vertrauen Sie mir. Sie wollen nicht in der Nähe sein, wenn eine völlig beliebige, ego- statt hirngesteuerte Entscheidung explodiert.

«Wenige Menschen denken, und doch wollen alle entscheiden» Friedrich II., der Große (1712-1786)

Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass mit vorgeschaltetem Nachdenken bessere Entscheidungen getroffen werden und – wichtiger – sehr viel bessere Ergebnisse erzielt werden.

Wenn die Verantwortung mit in den Ablauf kommt, dann lautet die allererste Entscheidung zumeist: Ich gehe jetzt nicht links oder rechts, sondern ich denke erst mal nach.

Manches mal habe ich den Eindruck, dass sich die Menschen fühlen, wie wenn man sie an einem unsichtbaren Zügel reißt mit dem Vorschlag ‹Nachdenken›. Waaaaas? Nachdenken? Jetzt? Wir müssen doch entscheiden…

Ich finde es eine berechtigte Kontrollfrage, wenn jemand auffällig schnell, brüsk oder in einer Art Stakkato entscheidet, denjenigen einzubremsen und nachzufragen «Übernehmen Sie auch die volle Verantwortung für diese Entscheidung?»

Meine gut gemeinte Warnung:

Wenn dann

  • ungläubige Blicke,
  • Entrüstung,
  • dieser dümmliche Blick von «Ich versteh die Frage nicht»,
  • Einschränkungen («Naja, im Wesentlichen»),
  • Vorbehalte («Das kommt darauf an»)
  • et cetera

kommen, dann gibt es für Ihren Umgang mit der Entscheidung des anderen nur einen sicheren Ort: Ihren Abfalleimer. Gleich rein damit. Mit der Entscheidung, nicht der Person. Die kann ja vielleicht nicht gut entscheiden, aber vielleicht die besten Bratkartoffeln dieses Planeten braten, begnadet Zuhören, toll Dichten, ein wundervoller Elternteil sein oder wasauchimmer.

Einige Gedankenspiele

Eine Entscheidung ist etwas Profanes. Links oder Rechts. Eine Weg-Scheide, Wasser-Scheide. Sie treffen auf eine Entweder-Oder-Situation und gehen voran. Dann haben Sie sich entschieden. Wow. Da kann man schon ´nen Steifen kriegen vor lauter Selbstbegeisterung. Was für ein Bullshit.

Wertvoll, bedeutsam, kompetent und damit also in irgendeiner Art bewertenswert ist nicht die Entscheidung. Es sind der Grad des Aufwands, der vor einer Entscheidung betrieben wird, das Auseinandersetzen mit Konsequenzen, das Einstehen für eine Entscheidung, die deren Qualität und damit auch Rückschlüsse auf die Person, die sie trifft, zulässt.

Wer soll Sie operieren? Ein Arzt, der schnell entscheidet? Oder ein Arzt, der Zeit seines Lebens mit der Entscheidung, die er über Ihre Gesundheit trifft, klar kommen will? Dem nicht wichtig ist, dass es eine Entscheidung gab, sondern der eine bestmögliche Entscheidung ersinnt? Dem, der entscheidet und die Verantwortung übernimmt für die Wundinfektion mit dem Brief «Bitte wenden Sie sich an meine Haftpflichtversicherung.»? Oder dem, der schreibt, «Es ist mir schrecklich, was Sie erlitten haben. Ich darf mich nicht weiter äußern, habe aber bereits meine Haftpflicht informiert. Wenn ich etwas tun kann, lassen Sie es mich wissen.»?

Wer sich entscheidet, sich nicht anzuschnallen und sich dann das Köpfchen beim Auffahrunfall böse am Lenkrad anstößt, der ist Entscheider. Wenn er dann wegen der Kopfverletzung vom Unfallverursacher ein deutliches Schmerzensgeld verlangt, weil er ja schließlich Kopfschmerzen hat, der war schon vor der Entscheidung falsch gewickelt. Nein, es ist nicht der Richter doof, der ihm das Schmerzensgeld verwehrt wegen Mitverschulden. Er hat es selbst zu vertreten, wegen des Mangels an Verantwortungsträgerschaft, an Verantwortungs-Bewusst-Sein des Gurtmuffels.

Ein SEK-Polizist, der in einen Geisel-Täter-Raum vordringt und in Millisekunden erkennt (und erkennen sollte), dass links eine Geisel schreit und am Boden vor ihm zwei Geiseln kauern und rechts davon eine dritte Person eine Waffe auf eine Geisel richten will und dann den richtigen als Bedrohung ausschaltet, der ist exzellent. Wie fänden Sie es, wenn er mal eben entscheidet – quick assessment oder Nach-mir-die-Sintflut: Wer nicht aussieht wie ne Geisel… irgendeiner muss halt entscheiden. Dass dann die Verantwortungsfrage später geklärt wird, wäre für die niedergestreckte Geisel wenig Trost. Einverstanden?

Schlussakkord

Ich setz mich jetzt an einen Schadensfall. Da hat einer hopplahopp entschieden, dass es egal ist, ob die Löhne bezahlt sind, Hauptsache die Leasingrate für den PKW und die Miete sind durch. Jetzt wird er zur Verantwortung gezogen… autsch.