Das Unentschieden muss ins Grundgesetz – jetzt!

Oder grantiger: Stimmungsmache auf Kosten von in Not gekommenen Menschen ist armselig

Germania ist insolvent. Die Geschäftsleitung hat dementsprechend Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Löhne wurde nicht bezahlt.

Das alles ist? Ein in Deutschland nicht wirklich einmaliger Vorgang.

Jedoch öffentlichkeitswirksam. Denn die Germania fliegt Mensch, Fracht und wohl auch mal Tier von A über B nach C oder auch mal direkt.

Für alle Beteiligten ist das höchst bedauerlich. Für viele Betroffenen wird das existenzielle Sorgen bedeuten. Der ein und die andere mag Angst bekommen und sehr schlecht Schlafen.

Im Jahre 2017 gab es in Deutschland 20.093 Unternehmensinsolvenzen. Nehmen wir im Schnitt 5 Mitarbeiter und eine statistisch 3,5 köpfige Familie, dann betrifft das über 300.000 Menschen. Schreibt der Spiegel über die? Nein. Fordert irgendwer für Bert Pinsel oder Lisa Kreuz und ihre Mitarbeiter staatliche Subventionen, prangert staatliches Versagen im Mikromanagement von Malerei- oder Putzgewerbe an? Nein.

Ich arbeite seit 1998 im Bereich Pleiten, Pech und Pannen.

Es macht mich wütend, wenn ich so wie heute morgen – mit Verlaub – einen derartigen Blödsinn wie die Meinung, den Kommentar, von Frau Deckstein auf Spiegel online lesen muss. Sie hat jedes Recht auf ihre Meinung. Ich habe jedes Recht, ihre Meinung als Blödsinn zu betiteln. Meinungsfreiheit ist bidirektional.

Dabei ärgert mich dieser Kommentar deswegen besonders, weil hier nicht eine junger Journalist erste Spuren zieht. Nein, eine erfahrene Journalistin, die sich der Verantwortung und Macht des Wortes ihrer Beiträge sicher bewusst ist – was ich als Kompliment meine. Umso weniger verstehe ich das Platitüdengezirpe in diesem Fall.

Der nächste Artikel wartete indes nicht lange, mir meinen Morgenkaffee zu verderben – einige Etagen tiefer, auch Spiegel Online: Regionalflughäfen haben Existenzangst. Nach Expertenmeinung müsse der Staat einspringen. Denn viele Regionalflughäfen hätten sich von Germania abhängig gemacht.

Das ist alles sehr bemerkenswert. Wir erinnern uns:

Quelle hat von Bayern 50.000.000 EUR Bürgschaft bekommen. Von Ihrem und meinem Steuergeld. Was hat´s gebracht? Sympathie der Belegschaft – 100%. Firmenrettung? 0% Das war Verschwendung von Steuergeldern, aber getragen vom Grundgefühl Mitleid, das oft mit wirtschaftlicher Inkompetenz daherkommt. Wieviele Kindergärten für 50.000.000 EUR gebaut werden könnten, wie viele Existenzgründer oder Mittelständler auf Wachstumskurs hätten befördert werden können…

Bei Airberlin hat der Staat einen dreistelligen Millionenbetrag wohin gesetzt? In den Sand. Aber jeder regt sich über die Rentenzahlung an Vorstandsvorsitzende auf – deren Firmen noch nicht über die Wupper des kaufmännischen Versagens gegangen sind.

Kein wegen Insolvenzverschleppung angeklagter Handwerker, der bei einem Arbeitsvolumen von 20.000 EUR einen kleinen optischen Mangel am Gral des Deutschen Wohlstands, dem Reihenhaus, verursacht hat und deswegen bis zur Beseitigung dieses Mangels im Gegenwert von 500 EUR die Schlusszahlung von 5.000 EUR nicht erhalten hat (zu Unrecht!) und deswegen insolvent, vulgo pleite, ging, bekommt Strafmilderung. Keiner. „Hätten Sie damit rechnen müssen“ – Wahrsager heißen die, die in die Zukunft sehen können, die streichen keine Wände. Wer fordert ein Vorgehen gegen die Bauherren, die unrechtmäßig handeln? Keiner klagt die an wegen Kreditschädigung oder sonst wie.

Nach 9/11 ging die Reisebranche durch eine böige Zeit. Im Kielwasser der Terroranschläge viele kleine Firmen pleite – ich selbst hatte damals binnen 8 Monaten sieben entsprechende Mandate. Hat der Staat eingegriffen? Nö. Und womit? Mit Recht!

Zurück.

Ach ja, nochwas: Fliegen ist kein Menschenrecht!

Jetzt aber wirklich zurück:

Regionalflughäfen machen sich von Germania abhängig? Tscha. Dumm. Nichts anderes. Dumm. Schon 1987 wusste ich nach meinem mit bescheidenem Erfolg absolvierten Wirtschaft und Recht Leistungskurs, dass es kaufmännisch dämlich ist, mit einem Kunden mehr als 25% des Gesamtumsatzes zu machen – Diversifikation hilft. Seit wann bedeutet Gemeinwesen (Staat), dass das Gemeinwesen Dummheiten umgeschehen machen muss? Ich persönlich finde, dass das Insolvenzausfallgeld von 3 Monaten ein enormer und richtiger Beitrag ist. Darüber hinaus? Finger weg.

Wer Fehler macht, steht dafür gerade. Wer bei dem falschen Chef arbeitet und es nicht erkannt hat? Wer stolpert und sich das Fußgelenk bricht? Das nennt die Juristerei so schön: Allgemeines Lebensrisko. Wer unter einem Idioten arbeitet und es erkennt? Wer sich mit einem Rindvieh verheiratet, sich nicht mehr trennt und lieber unglücklich lebt? Das nennt sich Freiheit.

Eine deutsche Fluglinie geht pleite – das riecht streng nach Staatsversagen. Klingt toll. Übersieht nur eines:

Wir leben eine Marktwirtschaft = Markt+Wirtschaft.

Nein, nicht das Hotel zur Post am Dorfplatz, auf dem am Sonntag Markt ist. Markt = Wettbewerb, also Buhlen um die Gunst der Kunden, damit die was kaufen und bezahlen und wenn das Unternehmen alles bezahlt hat, dann freut sich? Der Eigentümer. Und wie immer im Wettbewerb: Es gibt Gewinner, es gibt Verlierer. Wenn einer eine Aktie mit 100 EUR Gewinn realisiert, verliert ein anderer. Wenn ich den Kunden bekomme, bekommt ihn ein anderer nicht. Was hat das mit Politik zu tun? Genau. Nichts.

Vegane Trends führen zu einer Bedrohung von Schlachthöfen – Frau Deckstein, Ihr Auftritt und die lieben Experten bitte gleich noch als Background-Chor: Öffentliche Hand, helfe.

Das ist Quatsch. Veränderung ist menschlich. Veränderungssteuer vielleicht? Mir läuft es heiß und kalt den Rücken runter.

Der Verbraucher muss abgesichert werden? Ja wovor denn? Staatlicher Garantiefonds für erfüllte Verträge – echt jetzt?!

Die Politik hat versagt? Wo denn? Egal – Ergänzung des GmbH-Gesetzes: Geschäftsführer dürfen keine Fehler machen, wenn Verbraucher betroffen sein könnten. Jo bro, das hilft.

Nein, das einzige was hilft ist eine Grundgesetzänderung: Sieg und Niederlage werden abgeschafft – Unentschieden wird ein Menschenrecht. Das wärs doch. Wer viele Aufträge bekommt, muss an die, die zu wenig Aufträge haben, abgeben. Und FC Bayern oder Borussia Dortmund? Unentschieden, im Rang des Grundgesetzes. Nie mehr Deutscher Meister – 18 Sieger, keine Relegation – wie schön für unsere Nerven.

Ja, Eigenverantwortung ist bisweilen sehr unangenehm. Die Ungewissheit der Zukunft manches mal schwer auszuhalten. Ich nehme einen Trend wahr, dass alles immer schwerer und schwermütiger wird.

Meine Meinung ist, dass dieser Trend tragischer Weise dadurch befeuert wird, dass zu viele Märchenerzähler und Moralpostulenten einen idealisierten Schwachsinn (Schwachsinn: etwas von schwachem Sinn – das ist auf die Aussage, nicht den Menschen und seinen Wert bezogen!) schreiben und das – gekonnt – so daher kommen lassen, als wäre es ein Recht, was da bestünde.

Tatsache ist: Nix is fix.

Jemand arbeitet beim Möbelhändler X – ob der bis zur Rente existiert? Wer weiß. Ich studiere und will einen Job? Glück auf. Ich lebe gesund und moralisch einwandfrei und jetzt hab ich eine lebensbedrohliche Krankheit? Shit happens. Keiner der möglichen Kandidaten ist besser oder schlechter – jeder ist auf seine Art eine coole Socke, ein Feigling, ein toller Mensch, Elternteil und wer auch immer.

Artikel wie der Kommentar zur Germania machen es sich noch nicht einmal leicht. Die machen es sich einfach. Blöken wir nach dem Staat. Klingt immer gut. Muss auch nicht viel dafür getan werden. Einfach schreiben. Wirkt schon.

Anstatt die böse Konkurrenz und den unfähigen Staat als Ablenkungsanästethikum zu adressieren könnte man sich doch mal in die Grundgedanken freier, geregelter Marktwirtschaft einlesen. Oder nach Informationsquellen dafür, wie Menschen, die in Not geraten – etwa wie die Mitarbeiter von Germania -, da gut wieder raus kommen. Resilienz, Tips&Tricks für Gespräche mit Banken für den Eigenheim-Kredit, Gesprächsleitfäden für Eltern mit ihren schulpflichtigen Kindern…

Es könnte sein, dass einige bemerken: es könnte mich auch treffen, vielleicht beschäftige ich mich mal einfach so mit Resilienz, mit Angst und vor allem: Eigenverantwortung.

Ich vermisse derartig informative Artikel – ich durfte sie als Jugendlicher noch sehr oft lesen – unter anderem im Spiegel. Auch das ist Veränderung und ich finde sie bedauerlich. Ich kann sie akzeptieren. Und mich dagegen stellen – nach Kräften.