Einfach mal die Schraube lockern – Gedanken zur Instandsetzung von Kommunikation

Nach fest kommt ab – so ist das beim Werkeln. Und manch einer ist baff erstaunt, wenn ihm gezeigt wird, dass auch Schrauben ohne Köpfe oder mit abgescheuerten Kanten nochmal gelöst werden können. Letzteres braucht länger, braucht Geduld und man muss aufpassen, dass man nicht abrutscht, um das Umfeld nicht zu beschädigen.
So ähnlich ist es so manches Mal in der Kommunikation. «Wir sollten aufpassen, Dinge nicht zu zerreden» «Unser Dialog ist festgefahren» oder «Die Verhandlungen stocken» – all diese Beschriebe deuten in die Richtung, dass der Fortgang des Miteinander etwas kaputt machen kann.
Sobald etwas über das richtige Maß hinaus gegangen ist und ungute Gefühle auslöst, haben wir eine Mangel- oder Fehlersituation. Da muss sich der Mangel noch nicht zeigen. Die Schraube zu kurz? Der Dübel zu klein – jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann der Schaden sich realisiert. Aber der Mangel, der Mangel ist schon da.
In der Kommunikation ist es nicht anders. Das Gespräch läuft komisch, der andere ist aufgestanden, schlechte Stimmung geblieben. Wenn das so weiter geht, wird die Kündigung, Scheidung, Trennung, Streit, Wut und so weiter unausweichlich. Die gute Nachricht: Solange wir kommunizieren können, können wir es wieder hinbekommen. Die noch bessere Nachricht: Das ist möglich, solange wir am Leben sind.

Wollen wir? Reparieren?

Wenn ich dazu gerufen werde, dann sind Beziehungen nicht so, wie sie die Betroffenen haben möchten. Manches fühlt sich rostig an, manches zu eng. Wieder anderes wirkt verspannt und schließlich bleiben die Situationen, wo es nur noch darum geht, irgendwie wieder Luft zu bekommen.
Was in diesen Momenten keine Rolle mehr spielt und zugleich die Versuche etwas zu kitten verschlimmbösert ist das eigentliche Motiv, der eigentliche Grund, warum Menschen miteinander in Kontakt kamen, um über Kommunikation etwas zu erreichen.
Liebes-Beziehung, Gesellschafter-Beziehung, Vertrags-Beziehung, Eltern-Kind-Beziehung, Arbeits-Beziehung – wie groß war die Vorfreude und wie besch… ist es jetzt.

Empörung – die Entzündung des Dialogs

«Ich werde nicht verstanden» «Der andere sieht nicht» «Man muss doch erkennen» «Ich kann doch nicht» «Da wird erwartet» … Sie bekommen das Bild.
Wer da steht, der steckt fest oder – was sich nur besser anfühlt, aber genauso wenig zum Ziel führt, der dreht sich im Kreis.
Ein Klient hat mich mal als Kriechöl betitelt – ich würde etwas festgerostetes Lösen. Ich musste herzhaft lachen und, er hatte irgendwie schon recht.
Letztlich – mit dem Privileg, dass meine Emotionen nicht schon durch die Decke sind und ich mich bis zur völligen Bewegungsunfähigkeit mit Erklärungen, Ausreden und Vorwürfen behangen habe – frage ich mich nur zurück, um retrospektiv herauszufinden, an welcher Stelle alles noch entspannt, konstruktiv und zugewandt war.
Denn: Keiner geht freiwillig mit einem möglichst großen Rindvieh als Gegenüber in Kontakt darüber, etwas zu erreichen, zu verabreden, was ihm wichtig ist. Keiner von uns sucht sich von vornherein den größten Antitypen der inneren Sympathieskala aus. Keiner.

Das Wiederfinden des Anfangs – mal die Hände schmutzig machen!

Was heißt das? Da war etwas, warum ich den oder die ansprach oder – vielleicht noch schöner: ich muss etwas gehabt haben, was den anderen angesprochen hat.
Wenn also das Gefühl vorherrscht, dass der andere bestimmt dieses und jenes und überhaupt was für ein blöder Mensch – Stop! Sie haben sich mit dem anderen eingelassen und mit ihnen – was war damals, welche Eigenschaften waren sympathisch?
Neeein, suchen Sie. Die waren da, ganz sicher. Der Moment, wo ich bei diesen Aspekten stur bleibe, solange beharre, bis da was kommt – aus dem Mund und bald auch aus dem Maschinenraum der Kommunikation: Dem Bauch, dem Emotionstank, wenn der Klient diesen Rumstochern und Hervorholen aushält und mich nicht rausschmeißt, dann klappt das auch.

Und: Während der Suche haben Sie gar keine Zeit, an all das Doofe und Gemeine und überhaupt! zu denken, was das Gegenüber gesagt, gerochen, gesprochen hat.
Mit dreckigen Händen, Schweiß auf der Stirn aber auch dem stolz-erfolgreichen Gefühl, etwas erarbeitet zu haben, stehen meine Klienten dann da (das ist eine Metapher, keine Sorge).
Jetzt haben wir schon mal was, was wir anlegen können:
Was war das am Anfang also? Nochmal genau anschauen!
Was ist mein Eindruck heute – habe ich mich getäuscht? Oder hab ich das was aus den Augen verloren.

Entscheidung heißt Verzicht

Nun, jetzt haben Sie eine Informationsquelle außerhalb der beschädigten Kommunikation. Jetzt haben Sie für Ihre weiteren Schritte wieder die Hoheit. Bitter-Sweet: Entscheiden heißt Verzicht. Wollen Sie weiter machen nach allem was am Anfang war und was Sie heute wissen? Und ja, Gefühle gehören zu diesem Wissen. So oder so. Es wird ab hier leichter, weil sich etwas er- oder auflöst. ‚Er-‚ es geht weiter und alle Beteiligten haben Mühe investiert, um wieder in den guten Bereich zu kommen. ‚Auf-‚ es war ne gute Gelegenheit, jedoch stellt sich heraus, dass es nicht passt.
Beides ist doch in Ordnung!

Erste Erleichterung: Ich habe mich getäuscht.

Das ist menschlich und unvermeidbar (ich weiß, Perfektionisten halten Täuschen für einen Beweis besonderer Unfähigkeit – ich halte es für eine Tatsache, dass wir nicht in die Zukunft sehen können). So, und jetzt? Jetzt kann ich doch feststellen: «Mensch, Hans, Dir scheint das Sporteln bei schlechtem Wetter draußen echt gar keinen Spaß zu machen. Das hab ich falsch eingeschätzt. Lass uns schauen, ob wir spontan bei Sonne mal zusammen Laufen. Aber als Trainingspartner, das macht so für mich keinen Sinn.» Worauf soll der jetzt böse sein? Warum sollte ich, sollten Sie mit so einem Erkenntnissatz (der nichts anderes ist, als dass man die Beziehung zu einem spezifischen Thema löst, vom anderen als wasauchimmer abgewertet werden? Und wenn, ja wenn: dann ist es eh besser, dass Sie diese Beziehung in ihrer Entwicklung beenden.
Der kürzeste Weg zur Lösung ist die Wahrheit – und manchmal ist das auch eine Er-Lösung.

Zweite Erleichterung: Alle guten Eigenschaften sind da – die Kommunikation ist nur in die falsche Richtung gegangen.

Na dann, innehalten und wie beim Navi «Bitte wenden!»
«Sagen Sie mal, Frau Bittenehmensieeinennamen, wir haben uns doch zu diesem Thema aus diesem und jenem Grund zusammen getan. Das ist nach wie vor da und wir wollen das. Wo haben wir uns verhakt. Was sehe ich gerade nicht?»
Jetzt wird es spannend. Wer fragt, sollte auf Antworten vorbereitet sein. Was da schon zutage kam – das ist ‚es menschelt‘ pur.
Da war mal die Angst, bei schlechtem Geschäftsverlauf keinen Unterhalt mehr zahlen zu können. Da erinnerte eine Floskel an den mittlerweile verhassten Expartner. Das Gegenüber sah auch mal aus wie der Täter einer wirklich bösen Schlägerei. Und die Sorge, sich zu verlieben und man muss doch professionelle Distanz wahren, war auch dabei. Wir.sind.Menschen.
Meine Beobachtung ist: Desto unsicherer wir werden, desto weniger wir begreifen und uns erklären können, was da gerade falsch läuft, desto sachlicher werden wir. Anstatt mal auszuatmen und zu fragen: «Was hab ich grad ausgelöst bei Dir?» Oder meine Wahrheit zu wagen: «Entschuldigen Sie bitte, aber Ihr Humor geht mir tierisch auf den Sack – sie klingen wie mein erster Chef – können Sie nichts dafür. Aber: ich kanns grad nicht abstellen. Ich brauch ne Pause, bitte.»
Wenn ich mit den Beteiligten zusammen sitze und solche Sätze bringe, als Angebote, als Fragen um mich den Menschen zu nähern, dann wird es heller im Raum, weil alle so blass werden.

Wenden Sie sich dem Menschen zu – sich und anderen

Jetzt kommt meine Geheimzutat. «Wieso antwortet der Ihnen jetzt einfach so? Das würde er mir nicht sagen!» So geht das oft. Und meine Antwort ist immer dieselbe.
Ich nehme mein Gegenüber ernst.
Ich will lernen, wie der andere denkt.
Ich finde den anderen spannend.
Ich mag ihn.
(Manche Klienten schreiben sich das erst mal auf eine Karteikarte)
Meine Kommunikationsgrundlage ist: niemand, auch mein Gegenüber nicht, will mich absichtlich in Rage bringen, mir ein schlechtes Gefühl ‚einschenken‘.
Also
nehme ich jede Antwort an,
beurteile sie nicht,
moralisiere sie nicht und
bewerte sie nicht,
(weder nonverbal noch verbal -der verächtliche Blick, das ’so kann man doch nicht denken!‘).
Ich gebe meinem Gegenüber das Gefühl, dass alles, wirklich alles was er sagt, mir willkommen ist, dass es mich interessiert, weil der Mensch mich interessiert. Abrakadabra!
Wichtig ist mir dabei folgendes:
Annehmen und diskutieren, anderen Meinung sein, hat nichts mit Bewertung zu tun. Wer bewertet, ist besser, überlegen – sind Sie besser als andere Menschen? Eben.

Zurück an den Werktisch:

Wie würde sich Ihre Beurteilung über eine verfahrene Situation verändern, wenn der andere sich nicht mit Ihnen eingelassen hat, um Sie in Rage zu bringen? Wenn Sie sich nicht mit den größten Idioten dieser Welt einlassen, sondern mit sympathischen Wesen? Was, wenn es eine Stolperstelle gab, die gar nichts mit dem anderen oder Ihnen zu tun hatte, sondern sich da nur Ihre oder seine Erinnerung kondensieren konnte.

Das Unterbewusste im Blick behalten

Vielleicht hat irgendwann das Unterbewußte übernommen, dieser kleine Quälgeist: «Das klingt wie damals, weißt Du noch, 335 vor Christus, als wir dieses und jenes und dabei ist stattdessen jenes und dieses… das passiert gleich wieder ! Bestimmt! Wehr Dich!» Nun, liebes Unterbewusstes. Auch deine Warnungen, so gut gemeint sie sind, sind nur Hochrechnungen. Und so dumm, dass ich nichts lerne, bin ich nicht. Ruhe bewahren.
Unterbewusstsein betont das ‚wahr‘ und Sie sollten das ’schein‘ in ‚wahrscheinlich‘ betonen.
Sie sind doch vorbereitet gewesen, Sie haben es gut gemeint, Sie wollten was erreichen – mit dem Gegenüber. Und der nicht? Ich bitte Sie! … (und meine Klienten regelmäßig)

Haltungswechsel – Sie können die Fahrt, also die Kommunikation wieder aufnehmen

Wir können, wenn wir unser Gegenüber wieder anders ausleuchten, in einem anderen Licht sehen, das Fahndungsplakat ‚Gefährlichster Gesprächspartner‘ wieder abnehmen. Gerne wegschmeißen.
Und damit könnten wir Stop sagen.
Mit diesem Zwischenergebnis gelingt es mir oft, dass ich gar nicht mehr weiter dabei sein muss. Schlecht für meinen Umsatz, gut für meine Klienten. Das naheliegendste Erfolgserlebnis: «Wollen wir aufhören mit dem Austausch von Stellungnahmen und wieder Konversation machen über unser Ziel?» – Dieses «Ja», das ist dann ein Erfolg, das ist die Botschaft, dass wir mit Kommunikation Kommunikation reparieren können. Das ist Beruhigung, Befriedung.
Jetzt die Geschwindigkeit drosseln, Bestandsaufnahme machen, worum geht es. Viel Spaß, es ist alles repariert. War nur eine Böe.

Ein Gedanke zum Schluss: Wir kommunizieren auch mit uns selbst und oftmals unaufmerksamer als mit den meisten anderen. Wenn Sie mit sich selbst grad nicht im Reinen sind – vielleicht ist das ein lösender Blickwinkel.

Ganz herzlich, Frank Ehrsam